Folge 4: Die Sache mit dem Wein

Heute bittet Anja Felix zur Blindprobe. Felix soll sich zwischen zwei Weinen entscheiden. Nach anfänglichem Zögern willigt er ein – nur um es kurze Zeit später bitterlich zu bereuen.

Wein ist ein komplexes Getränk. 23 verschiedene Alkohole, 27 unterschiedliche Säuren, 80 Esther und Aldehyde und mehrere hundert Aromastoffe sind darin enthalten. Unsere Sinneswahrnehmung ist dagegen eher bescheiden. Wir können ein paar Aromen gleichzeitig erkennen, reagieren auf Säure nach Tagesform, passen unser Empfinden für Salz dem tatsächlichen Salzspiegel im Körper an und reagieren mit zunehmender Reizintensität weniger auf Schärfe oder Gerbstoffe. Da macht es einen großen Unterschied, ob wir einen Wein nur mal kurz antesten oder tatsächlich eine Weile trinken. Unser Hirn setzt aus der Erfahrung von mehreren Schlucken das Bild zusammen. Haben wir nur einen Schluck und ein paar Sekunden Zeit, erhalten wir ein unvollständiges Bild und achten eventuell auch auf unmaßgebliche Dinge. Besonders in Blindproben, wenn wir keine Idee haben, was im Glas ist, ist der erste Eindruck eben oft nicht der entscheidende.

Wenn dann auch noch falsche Fährten in die Irre führen, ist alles denkbar. Füllt man einen Weißburgunder in eine Rieslingflasche und gibt ihn jemandem zu trinken, der immer erklärt, Riesling habe ihm zu viel Säure und deswegen trinke er lieber Weißburgunder, wird dieser sich garantiert wieder über die hohe Säure beschweren, obwohl seine Lieblingssorte im Glas ist.

Das ist nicht verwunderlich. Ein Weißburgunder hat ja Säure (im Schnitt nur 15 bis 20 Prozent weniger als der Riesling) und so finden wir diese auch vor, wenn wir im Glauben an ein Glas Riesling mit der Erwartung einer prägnanten Säure zwei Zentiliter kurz durch den Mundraum spülen.

Der Österreichische Weinjournalist Helmut O. Knall, der in der Weinszene als hervorragender Verkoster gilt, erzählte uns die Geschichte, wie ihm Bekannte sieben Gläser Wein zur vergleichenden Beurteilung vorsetzten. Sie hatten heimlich den Inhalt einer einzigen Flasche auf die Gläser verteilt. Erst beim Dritten Glas sei er misstrauisch geworden und bis zum vierten habe es gedauert, bis er sich sicher war Ziel eines Streiches zu sein. Erfahrenere Verkoster sind vor Irrtum nicht gefeit, sie bemerken ihn nur eher. Wir hätten vermutlich bis zum sechsten Glas gerätselt.

Eine Blindprobe macht demütig

Verzweifelt also nicht, wenn Euch ein Freund einen teuren Wein vorsetzt, Euch eine Weile über diesen referieren lässt, um Euch dann bloßzustellen, indem er irgendeinen ultrabilligen Supermarktwein hervorholt und erklärt, der sei in Wirklichkeit in der Flasche. Das kommt in den besten Familien vor. Ihr könnt solche Situationen jedoch leicht vermeiden: Widersteht der Versuchung nach dem ersten Schluck loszulegen.

BlindprobeWir äußern uns selten öffentlich über Weine, die wir nicht getrunken, sondern lediglich probiert haben. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel. Manches Zeug ist derart zum Niederknien, dass wir das auch schon nach einem Schluck begreifen und manche Weine verderben dermaßen den Appetit, dass wir uns einen zweiten Schluck gar nicht erst antun. Aber ansonsten gilt: trinkt ein Glas, bevor Ihr euch ein Urteil erlaubt.

Selbstbewusstsein und Demut schließen sich nicht aus. Kenner können nach wenigen Schlucken viel über einen Wein sagen, seine Herkunft eingrenzen, die Rebsorte bestimmen, das Alter schätzen und einiges mehr. Solltet Ihr eines Tages zu denjenigen gehören, die einen Riesling seinem Geschmack nach nicht nur seinem Anbaugebiet (zum Beispiel Mosel) zuweisen können, sondern noch die Unter-Regionen kennen (zum Beispiel Terrassenmosel, Mittelmosel, Ruwer, Saar, etc.), dann lasst es raus, sobald es Euch gefällt. Nur mit dem Urteil sollten Ihr euch sich zurückhalten. Und wenn Euch etwas spanisch vorkommt, dann ignoriert das Etikett, dass Ihr vor Euch seht und hört auf Euer eigenes Gefühl.

Selber machen: Teilt den Inhalt einer Flasche Wein auf zwei unterschiedliche Flaschen auf. Ladet Euch zwei Personen zur Weinprobe und erzählt, Ihr könntet günstig an guten Wein kommen. Den gäbe es aber nur in 12er Kisten und Ihr wolltet keine 24 Flaschen kaufen. Deswegen sollten Euch Eure Mitstreiter helfen, den besseren zu finden. Ihr werdet eine Entscheidung kriegen! Wenn Ihr das Spiel eine Weile weitertreibt, besteht die große Chance, das der Schwindel auffliegt. Und noch etwas ist bemerkenswert: Je weniger Eure Freunde von Wein verstehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht darauf hereinfallen.

Was trinken wir dazu? Felix trinkt auf den Schreck erst mal ein Bier. Ihr setzt Freunden einen Wein aus dem Weinpaket der Webweinschule blind vor die Nase.

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