Folge 21: Ist teurer Wein besser als billiger?

Über dieser Frage sind schon Freundschaften zerbrochen. Ist das alles nur Spinnerei mit den edlen Weinen? Wir haben eine klare Meinung, die Euch vielleicht überraschen wird.

Ist teurer Wein besser als billiger? Diese Frage fasziniert vor allem uns Deutsche. Jede Meldung über einen günstigen Wein, der in einer Blindprobe für einen teuren gehalten oder gleichzeitig getesteten teureren den Rang abgelaufen hat, stützt für uns die These: Das mit dem Wein ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Alles nur Schau, man schmeckt eh keinen Unterschied und die Spinner mit ihren teuren Flaschen tun nur so, als hätten sie Ahnung.

Diese weit verbreitete Einstellung haben wir Weinfreaks uns selbst zuzuschreiben. Wir haben hart an der Spaltung der Gesellschaft gearbeitet und jetzt werden wir mit Recht bestraft. Manche – zu viele – Menschen benutzen Wein als Statussymbol und zur Ausgrenzung weniger begüterter Mitbürger. Das ist nicht nur asozial, es ist auch dumm. Wer Wein liebt, der erweist der Sache so einen Bärendienst. Das beantwortet aber weder die Frage, ob teurer Wein besser ist als billiger, noch wie es zu den oben geschilderten Testergebnissen kommt.

Teurer Wein, schlechtes Preis-Leistungsverhältnis

Die Sache mit den verblüffenden Testergebnissen ist leichter zu erklären. Verkosten und Trinken sind zwei verschiedene Sachen, das haben wir in unserer Folge über die Blindprobe schon mal thematisiert. Die wahre Qualität eines Weines können die meisten Menschen erst nach dem zweiten Glas einschätzen – darunter etliche, die von sich selbst behaupten, sie könnten es schon nach zwei Schlucken. Besonders kräftige Weine gefallen uns meist beim ersten Schluck, viele machen aber auch satt und nach einem Glas verlieren wir die Lust auf diesen Brocken von Wein, der uns eben noch mit seinen intensiven Aromen und seiner Wucht beeindruckt hat. Auch kann uns manch leichter Weißwein mit seiner Frische begeistern, bis wir nach dem dritten Schluck etwas gelangweilt feststellen, dass wir jetzt genügend erfrischt sind und gerne etwas Tiefgründigeres im Glas hätten. Solche Testergebnisse sind also nicht immer belastbar. Und dann ist es kaum verwunderlich, dass der beste Wein einer niedrigeren Preisklasse besser ist als ein schwacher Wein einer höheren. Das gilt für die meisten Ver- und Gebrauchsgegenstände unseres Alltags.

Auf die erste Frage – ob teurer Wein besser ist als billiger – gibt es keine allgemein gültige Antwort. Unter Preis-Leistungsgesichtspunkten werden Weine immer schlechter, je teurer sie werden. Denn ein guter 50-Euro-Wein ist selten zehnmal so gut wie ein guter 5-Euro-Wein und ein 500-Euro-Wein ist oft nicht einmal doppelt so gut, wie erstgenannter. Die Skala ist logarithmisch, auch hier verhält es sich mit Wein wie mit den meisten Sachen. Was den absoluten Genuss angeht, bietet teure Wein in der Regel mehr als günstiger. Und natürlich gibt es beiderlei Ausnahmen: den billigen, der erstaunlich gut ist wie den teuren, der nichts taugt.

Teurer Wein, billiger Wein: Wie viel kostet guter Wein?

Wie viel muss man denn für eine gute Flasche Wein ausgeben, ist die logische Anschlussfrage in der Diskussion über Wein und Preis. Wir haben einen Vorschlag für eine Antwort, die der Wahrheit sehr nahe kommt und den ideologischen Diskussionen aus dem Weg geht, die diese Frage meist auslöst.

teurer weinWein fängt preislich in Deutschland bei Einem Euro Nochwas an für den Liter Domkellerstolz im Tetra Pak. Das ist eine Brühe, die selbst ihr Produzent Michael Willkomm, Chef der Großkellerei Peter Mertes, im Interview mit der ‚Welt‘ einmal lakonisch als ‚Grundversorgung für Vieltrinker‘ bezeichnet hat. Das ist kein Genussmittel, sondern ein Suchtmittel. Wein als Genussmittel (sowohl in der Intention der Produzenten wie der Konsumenten) fängt ungefähr bei zwei Euro an. Tränken wir uns durch alle Zwei-Euro-Weine der Discounter und Supermärkte, fänden wir vielleicht 50 Prozent ordentlich (im Sinne von unfallfrei zu trinken), 8 Prozent ganz gut und 2 Prozent für den Preis erstaunlich lecker. Wir küssten 100 Frösche und 10 verwandelten sich in mehr oder weniger hübsche Prinzen. Leider würden sich geschätzte 20 bis 30 Prozent als verdammt schleimige Kröten entpuppen, die zu küssen wir besser vermieden hätten.

Täten wir das Gleiche im Fünf-Euro-Segment dann fänden wir mehr Prinzen in unserem Weinglas und einige wären richtig hübsch. Die Kröten hingegen wären weniger zahlreich und nicht ganz so schleimig. Legen wir noch zwei Euro drauf, begegneten uns vermutlich keine Kröten mehr. Es gäbe immer noch Gruselweine. Aber das ist nicht das gleiche wie eine Kröte. Felix findet zum Beispiel halbtrockenen Rotwein abscheulich. Aber da kann der halbtrockene Rotwein nix für, das ist allein Felix’ Schuld. Ein handwerklich gut gemachter halbtrockener Dornfelder bleibt ein halbtrockener Dornfelder. Den könnt Ihr abscheulich nennen, ihn als Kröte zu bezeichnen wäre jedoch unangemessen. Und schlechte Weine gibt es auch noch in diesem Segment, sie grenzen jedoch nicht an Körperverletzung.

Die Kurzform der Antwort auf die Frage: ‚Wie viel muss ich für eine gute Flasche Wein ausgeben?’ lautet also: ‚Das kommt auf Eure persönliche Schmerzgrenze an, darauf wie viele Kröten Ihr vertragen können, bis Ihr die gute Flasche Wein gefunden habt.‘ Wenn Ihr hart im Nehmen seid, reichen zwei Euro. Eure beiden besten Ratgeber (Eure Leber und die Webweinschule) raten jedoch: legt ein paar Euro drauf.

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Kommentare (1)

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Patrick Johner
06. August 2014 um 07:48
Vielen Dank an Euch beiden für diese Folge. Eure Antworten sind sehr präzise und decken übersichtlich die Bandbreite der Preisfindung ab. Als Winzer selbst muss man sich ebenfalls entscheiden, in welchem Preissegment man ein Wein produzieren möchte, und ob man es auch zu dem Preis verkaufen kann. Gerade zum Thema 700 € Wein aus dem Burgund möchte ich noch ein paar zusätzliche Faktoren aufzählen. Spitzenlagen mit höchstem Renommee kosten ein Vermögen. Eine Kapitalverzinsung des Grundstückspreises sollte einkalkuliert werden. Dann sind die besten Weinberge über 40 Jahre alt. Dahinter steckt eine große zeitliche Vorarbeit. Wir Kinder dürfen die Früchte unserer Großeltern verwenden. Alte Rebstöcke liefern von Natur aus nur noch sehr geringe Erträge. Als ich 1997 im Montrachet die Laubarbeit mitmachen durfte, musste ich die Triebe ganz vorsichtig anfassen. Manche Rebstöcke hatten nur noch 2 kleine Trauben. Ein abgebrochener Trieb mit so einer Traube hat richtig geschmerzt. Da war am Ende der Preis Exportpreis, den das Weingut für diesen Wein erhielt ein unrentables Geschäft. Aber damit wurde das Renommee aufrecht erhalten.
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